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Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (B.A.)

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Antikenrezeption bei Winckelmann und Rilke – Ansätze der Vergleichenden Literaturwissenschaft

Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) war Gelehrter der Aufklärung. Er gilt als der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie sowie der Kunstgeschichte. Winckelmanns Rezeption der griechischen und römischen Antike hat den deutschen Klassizismus maßgeblich geprägt, besonders den der Weimarer Klassik. Die „Beschreibung des Torso im Bevedere zu Rom“ (1759) gehört zu seinen bekanntesten Texten und ist ein Beispiel für „Kunstschriftstellerei“, eine Praxis zwischen Kunstkritik und Literatur, die ihre Blütezeit vor dem Entstehen der heutigen Kunstwissenschaft hatte. Winckelmann ordnet nicht nur die berühmte Statue archäologisch und ikonographisch ein, sondern stilisiert sie in der Anschauung zum Ideal menschlicher Schönheit. Sein Text führt vor, wie in der Betrachtung ästhetische Maßstäbe auf das Objekt der Wahrnehmung projiziert werden.

Rainer Maria Rilke (1875-1926) war ein Schriftsteller der deutschsprachigen literarischen Moderne. Sein Sonett “Archaïscher Torso Apollos” (1907) bezieht sich auf den im Pariser Musée du Louvre ausgestellten Jünglingstorso aus Milet. Das Sonett gehört zu seiner Gedichtsammlung „Neue Gedichte“, die viele sogenannte „Dinggedichte“ enthält. Dieser im 19. Jahrhundert weit verbreitete Typus, thematisiert in der Regel einen Gegenstand, der im Text gleichsam zum Sprechen gebracht wird. Rilkes Beschreibung einer antiken Statue ist vor allem eine Versuchsanordnung ästhetischer Wahrnehmung. Gelehrtes Wissen über die Antike spielt hier keine Rolle. Stattdessen dient der Torso bei Rilke als Objekt, dessen Betrachtung eine Art Epiphanie ermöglicht, eine Erscheinung, die in der alltäglichen Wahrnehmung unerreicht bleibt. Diese besondere Erkenntnis wird der Gegenstand der Interpretation.

Die beiden folgenden Texte sind also Teil unterschiedlicher Epochen und Genres, behandeln allerdings ein gemeinsames Thema: die Beschreibung einer antiken Statue. Ein komparatistischer Ansatz versteht die Texte als Beispiele für eine bestimmte Rezeption der Antike und untersucht im Hinblick darauf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Es ist eine verstümmelte Statue eines sitzenden Herkules, [seine] Beschreibung geht nur auf das Ideal der Statue [...]. Ich führe dich jetzt [...] zu einem Werke, welches das vollkommenste in seiner Art und unter die höchsten Hervorbringungen der Kunst zu zählen ist [...]. Wie aber werde ich dir denselben beschreiben, da er der schönsten und der bedeutendsten Teile der Natur beraubt ist! So wie von einer prächtigen Eiche, welche umgehauen und von Zweigen und Ästen entblößt worden, nur der Stamm allein übriggeblieben ist, ebenso gemisshandelt und verstümmelt sitzt das Bild des Helden; Kopf, Arme und Beine und das Oberste der Brust fehlen. Der erste Anblick wird dir vielleicht nichts als einen verunstalteten Stein entdecken; vermagst du aber in die Geheimnisse der Kunst einzudringen, so wirst du ein Wunder derselben erblicken, wenn du dieses Werk mit einem ruhigen Auge betrachtest. Alsdann wird dir Herkules wie mitten in allen seinen Unternehmungen erscheinen, und der Held und der Gott werden in diesem Stücke zugleich sichtbar werden. [...] Ich kann das wenige, was von der Schulter noch zu sehen ist, nicht betrachten, ohne mich zu erinnern, dass auf ihrer ausgebreiteten Stärke, wie auf zwei Gebirgen, die ganze Last der himmlischen Kreise geruht hat. Mit was für einer Großheit wächst die Brust an, und wie prächtig ist die anhebende Rundung ihres Gewölbes! [...] Ich wurde entzückt, da ich diesen Körper von hinten ansah, so wie ein Mensch, [den] das Gewölbe [eines Tempels], welches er nicht übersehen kann, von neuem in Erstaunen setzt.

Ausschnitt aus: Johann Joachim Winckelmann: “Beschreibung des Torso im Belvedere zu Rom”, in: Walther Rehm (Hg.): Kleine Schriften, Vorreden, Entwürfe, Walther de Gruyter, Berlin 1968. S. 169-173.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke: “Archaïscher Torso Apollos”, in: Sämtliche Werke, Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 557.
Entscheiden Sie bitte nach der sorgfältigen Lektüre, welche Aussagen auf einen, beide oder keinen der Texte zutreffen, um sich so im ersten Schritt möglicher Vergleichspunkte gewahr zu werden.

trifft für
beide
zu

trifft für
Winckelmann
zu

trifft für
Rilke
zu

trifft
nicht
zu

Die formale Gestaltung des Textes erinnert an formale Merkmale des beschriebenen Gegenstands.  

Rilkes Gedicht weist formal betrachtet (beispielsweise durch die Enjambements zwischen den Versen/Strophen) einen fragmentierten Charakter auf. Dabei gleicht es seinem inhaltlichen Gegenstand, dem “verstümmelten” Torso.

Der Text enthält einen Appell an die Leser_innen.

Beide Texte sprechen ein “Du” an und wenden sich ihm mit bestimmten Forderungen zu. Bei Winckelmann kann damit z.B. ein Schüler angesprochen sein, während das lyrische Ich in Rilkes Sonett einen Appell vielmehr an sich selbst zu richten scheint.

Der Text trifft normative Aussagen über ideale Formen und Betrachtungsweisen von Kunst.

Winckelmann beschreibt sein Idealbild der nur noch in Fragmenten überlieferten Statue. Seine Aussage über den vorgestellten Torso hat zudem insofern einen wertenden Charakter, als er dieses Kunstwerk als das “vollkommenste in seiner Art” bezeichnet. Er schlägt vor, wie das Werk zu betrachten sei und welche Erfahrungen sich damit erschließen könnten. Sein Schreiben ist eindeutig von einem Bildungsanspruch geleitet.

Der Text beschreibt eine klassizistische Statue.

Beide Texte beziehen sich auf Statuen der griechisch-römischen Antike. Die Beschreibung Winckelmanns ist der Epoche des Klassizismus, Rilkes Dinglyrik der literarischen Moderne zuzuordnen.

Im Text geht es im Wesentlichen um die möglichst objektive Beschreibung des Kunstwerkes.

Beide Texte verfolgen nicht den Anspruch, objektiv-wissenschaftlich über ihren Gegenstand zu sprechen. Im Gegenteil: Während Winckelmann seine ästhetischen Maßstäbe auf die Statue projiziert, gibt deren Betrachtung bei Rilke Anlass zu einer sinnlichen Epiphanie.

Die Betrachtung der Statue wird Anlass einer kathartischen und erotischen Erfahrung.

In der Beschreibung der Körperlichkeit des männlichen Torso spielt die Schaulust eine entscheidende Rolle. Die Idealisierung der Figur Herkules findet bei Winckelmann vor allem auf Grund seiner imaginierten körperlichen Attraktivität und Stärke statt. Die Lendengegend des Torso des Apoll steht formal wie inhaltlich im Zentrum von Rilkes Sonett. Die Zuschreibungen von ausbrechendem Licht, der Raubtierfelle und leuchtender Augen verlebendigt und erotisiert die Figur merklich.

Der Torso scheint, zum Beispiel durch Zuschreibung von Bewegung, lebendig zu werden. 

Winckelmann kündigt an, in der Betrachtung würde die Statue lebendig. Die Schultern oder Brust seien nicht anzusehen, ohne sie in der Bewegung von Herkules’ Taten, seiner heldenhaften Stärke und Göttlichkeit zu begreifen. Rilke animiert den Torso vor allem durch dessen Blick, der sich auf das lyrische Ich zu richten scheint. In der Beschreibung der Lendendrehung deutet sich dessen Bewegungsfähigkeit an.

Der Text parallelisiert die Zeugungskraft und die dichterische Schöpfung.

Herkules ist sowohl Held als auch Gott und damit vor allem in seinem Handeln vorbildlich. Apollo ist die Muse des lyrischen Ich - und damit gleichzeitig Anlass und Gegenstand des poetischen Schöpfungsakts. Seine erotische Kraft bringt in diesem Sinne nicht nur das Sonett hervor, sondern für das lyrische Ich auch ein neues, vom Poetischen bestimmtes Leben. Er ist außerdem, als der Gott der Dichtkunst, des Orakels und des Lichts, ein Symbol für die Dichtung selbst.

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Ordnen Sie nun den Aussagen, die auf beide Texte zutrafen, je ein entsprechendes Zitat zu. Damit leisten Sie bereits den zweiten Schritt einer vergleichenden Literaturanalyse.

Der Text enthält einen Appell an die Leser_innen.

 
 
 
 

Die Betrachtung der Statue wird Anlass einer kathartischen, erotischen Erfahrung.

 
 
 
 

Der Torso scheint, zum Beispiel durch Zuschreibung von Bewegung, lebendig zu werden. 

 
 
 
 
1.

W: Alsdann wird dir Herkules wie mitten in allen seinen Unternehmungen erscheinen, und der Held und der Gott werden in diesem Stücke zugleich sichtbar werden.

2.

W: [...] Ich wurde entzückt, da ich diesen Körper von hinten ansah, so wie ein Mensch, [den] das Gewölbe [eines Tempels], welches er nicht übersehen kann, von neuem in Erstaunen setzt.

3.

W: [...] vermagst du aber in die Geheimnisse der Kunst einzudringen, so wirst du ein Wunder derselben erblicken, wenn du dieses Werk mit einem ruhigen Auge betrachtest.

4.

R: Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, sich hält und glänzt.

5.

R: Du mußt dein Leben ändern.

6.

R: Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.